Doris Münch

Rückblick Reise "Auf den Spuren der Waldenser"

Gruppenbild in Alassio an der ligurischen Küste (Foto: Doris Münch): Reise auf den Spuren der Waldenser

Anfangs Oktober reiste eine Gruppe aus Kreuzlingen ins Piemont.
Doris Münch,
Eine Reise zu den Waldensern

Zum Gedenken an 500 Jahre Reformation spürte eine Reisegruppe aus Kreuzlingen vom 2. bis 9. Oktober den Waldensern und ihrer Geschichte in den Tälern des Piemont nach.

Gemeinsam mit Diakonin Doris Münch und Pfarrer Gunnar Brendler hatte Hans Martin Enz, Pfarrer, Bus-Chauffeur und Reiseleiter in Personalunion, die Reise vorbereitet. Er erkrankte jedoch einen Tag vor der Abreise. Es grenzte an ein Wunder, dass so kurzfristig Ersatz gefunden werden konnte. Köbi Städler war für die ersten zwei Tage unser Chauffeur. Dann wurde er von Michel Hasler für die restliche Reisewoche abgelöst. Für beide war keine Strasse zu eng und zu steil in den Bergen des Piemont und kein Wendeplatz zu knapp bemessen. Die Chauffeure geleiteten uns sicher von Ort zu Ort, bisweilen durch Wind und Regen und wurden zu einem Teil unserer Gruppe von zwanzig Personen. Von Dankbarkeit erfüllt sind wir auch gegenüber dem Leiterteam für die hervorragende Organisation.

In einem Hotel der Stadt Pinerolo, rund 40 km von Turin entfernt, fanden wir Unterkunft. Das reiche Programm begann mit einem Gottesdienst in der Waldenserkirche von Luserna mit Pfarrerin Elisabeth Loeh Manna, einer Studienkollegin von Pfarrer Brendler. Sie geleitete uns durch die zwei folgenden Tage. Immer wieder staunten wir über die grossen Kirchen der Waldenser in den kleinen Orten, über ihre eigenwilligen Formen, schmucklos und edel zu gleich.

Auf der Bergwiese Chanforan im Agrognatal besuchten wir das Denkmal, das an den Anschluss der Waldenser an die Reformation im Jahr 1532 erinnert. Auch die unterirdische Grotte Gheisa d`la Tana besichtigten wir, wo die Waldenser in Zeiten der Verfolgung heimlich ihre Gottesdienste abhielten. Regnerisch war der Tag. Der Einstieg in die Grotte eng und steil abfallend. In der hohen Decke der Felsenkammer eine kleine Öffnung. Oben auf dem Waldboden ist sie von Büschen verborgen. Durch diese drang einst der Gesang der Gemeinde, dessen Quelle von Wanderern nicht ausgemacht werden konnte. Kein Wunder, dass die Waldenser oft mit Zauberei und Hexenwesen in Verbindung gebracht wurden.

Aber wer waren denn diese Waldenser? Ihr Name leitet sich von Petrus Valdes ab, einem reichen Kaufmann aus Lyon, der im 12. Jahrhundert lebte. Um 1177 verschenkte er sein Hab und Gut den Armen. Alle Menschen sollten das Evangelium in ihrer Muttersprache hören, lesen und verstehen können, forderte er bereits rund 300 Jahre vor Luther. Zentral für Valdes war die Bergpredigt. Der Konflikt mit der katholischen Kirche blieb nicht aus. Die Waldenser wurden der Häresie bezichtigt und waren bis in die Neuzeit, besonders jedoch nach Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes 1685, blutiger Verfolgung ausgesetzt. Sie fanden Zuflucht in den Bergtälern des Piemont, aber auch in anderen Ländern Europas.

Wie ernst die Waldenser die Ausbildung ihrer Prediger nahmen, die sie zur Tarnung barba Onkel nannten, zeigen die Überreste der Waldenserschule Coulege del Barba hoch oben im Dorf Pra del Torno. Auch die Frauen waren zur Ausbildung zugelassen. In allen Museen und Gedenkstätten der Waldenser, die wir besichtigten, wurde offenbar, wie sehr der Glaubensgemeinschaft an Bildung und Ausbildung beider Geschlechter gelegen war. In den kleinsten Dörfern gründeten sie im frühen 19. Jahrhundert Schulen, ein halbes Jahrhundert bevor 1870 in Italien die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. In den Klassenzimmern hing kein Bild des gekreuzigten, sondern eines des die Kinder segnenden Jesus. Wanderer in den einsamen Bergtälern wunderten sich, wenn sie auf der Weide ein Hirtenmädchen antrafen, das ein Buch las.

Die Stadt Torre Pellice gilt als das waldensische Rom. Dort befindet sich das Museo Valdese. Es macht einen modernen, professionellen Eindruck. Auch eine Bibliothek gibt es dort mit 45 000 Bänden.
Unmittelbar berührt hat mich ein kleineres Museum in Prali im Germanascatal. Wir besichtigten es nach einem denkwürdigen Besuch der Talkminen im stillgelegten Bergwerk von Fontane unterhalb des Dorfes. Oberhalb des Dorfes wurde 1948 das ökumenische Zentrum Agape gegründet.
Das Museum von Prali ist in der alten Waldenserkirche, Baujahr 1556, untergebracht. Es hat sich zum Ziel gesetzt, Arbeit, Leben und Kultur des Dorfes zu dokumentieren. Auf einander gegenüber liegenden Emporen sind drei Männer- und drei Frauenfiguren ausgestellt. Die lebensgrossen Statuen wirken alt und naiv. Sie stellen auf der einen Seite den Pfarrer, den Kirchgemeindepräsidenten und einen Konfirmanden dar. Gegenüber verkörpern die Figuren eine Konfirmandin, eine Abgeordnete für den Synodalrat und eine Pfarrfrau – Es dürfte wohl einzigartig sein, dass zu Ehren von Menschen im kirchlichen Leben Statuen errichtet werden.

Natürlich durfte auch ein Besuch in der berühmten Barockstadt Turin nicht fehlen, Sitz der Fiat-Werke - Erstaunlich, dass es dort so viele autofreie Plätze und Fussgängerzonen gibt!

Nach den vielen Eindrücken genossen wir den Aufenthalt in der ligurischen Stadt Alassio, direkt am Meer. Die lebhaften Gespräche bei den Malzeiten versiegten während der ganzen Woche nie. So wurde eines Abends auch erörtert, ob sich die reformierte und die katholische Kirche wieder vereinen sollten. Es wurde kontrovers und mit Humor diskutiert – echt reformatorisch eben.


Renata Egli-Gerber




Bereitgestellt: 03.11.2021     Besuche: 83 Monat 
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