Damian Brot

Beten ohne Kirche

Lengwiler Weiher —  Gott kann auch in der Natur gefunden werden. <div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-kreuzlingen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>296</div><div class='bid' style='display:none;'>3879</div><div class='usr' style='display:none;'>138</div>

Eine junge Frau, die sich gegenwärtig sehr intensiv mit ihrem Glauben beschäftigt, hat mir einen Brief gezeigt, den Sie an Gott geschrieben hat. Darin sagt Sie zu Gott:
Damian Brot,
«Bevor ich versuche, deine Spuren in meinem Leben zu finden, stelle ich die Frage ‘Gibt es Gott überhaupt’? Und die Antwort, die ich gefunden habe, lautet ‘ja’. Doch muss ich immer brav am Sonntag in die Kirche gehen, um eine Verbindung zu dir herzustellen? Nein, denn für mich bist du überall und in meinem Zuhause stets herzlich willkommen. Meine Türe steht dir immer offen. Seh ich mich um, entdecke ich in jedem Lebewesen, jeder Pflanze, jedem Stein etwas, das du geschaffen hast und somit die Handschrift Gottes trägt. Dein Dasein zieht sich durch mein ganzes Leben – angefangen von der Geburt bis zu meinem Ende in ferner Zukunft.»

Beten wie Jesus

Wie soll ich als Pfarrer antworten auf diese Aussage? Muss ich wie in einem Verkaufsgespräch diese Frau auf das kirchliche Veranstaltungsangebot aufmerksam machen und sie von der Wichtigkeit der Gottesdienstteilnahme überzeugen? Ich habe das nicht gemacht. Ich habe sie vielmehr in ihrer Überzeugung unterstützt, weil mich ihre Aussagen an die Lehre von Jesus über das Gebet in Matthäus 6,5-6 erinnert haben:

"Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich in den Synagogen und an den Strassenecken, damit sie von allen gesehen werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert.
Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schliess die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen."

Jesus hat das persönliche Gebet dem öffentlichen Gebet übergeordnet. Zum Wachsen im Glauben braucht es gewiss den Austausch mit anderen Gläubigen und ein Grundgerüst an erlernten Überzeugungen und eingebübten Gebetsformen. Vor allem aber möchte Jesus, dass wir unsere Herzen für ihn öffnen. Der Gottesdienst soll nicht nur am Sonntag in einigen Gebäuden stattfinden, sondern auch im Alltag im persönlichen Leben eines jeden Menschen. Jesus wollte seine Zuhörerinnen und Zuhörer nicht nur unterhalten, sondern in ihnen Veränderungsprozesse anstossen. Wenn der Glaube auf eine passive Teilnahme am kirchlichen Veranstaltungsprogramm reduziert wird, dann kann sich im Leben eines Menschen kaum etwas bewegen. Eine Überzeugung, die nur gehört wird, bleibt eine reine Theorie, wenn sich nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt praktisch umgesetzt wird. Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr schreibt:

«Gemeinsame öffentliche Gebete halten Gruppen und Religionen zusammen, aber sie transformieren Menschen nicht zwangsläufig in einer tieferen Schicht. In Wahrheit werden Gruppengewissheit und –zusammenhalt oft zum Ersatz für einen authentischen persönlichen Weg. Um es klar zu sagen: Ich behaupte nicht, öffentliches Gebet sei prinzipiell deplatziert, aber wir dürfen die diesbezügliche Warnungen Jesu (und der Propheten) nicht überhören.» (Pure Präsenz, 84)

Ich bin in einer religiösen Tradition aufgewachsen, in welcher die regelmässige Gottesdienstteilnahme einen hohen Stellenwert hatte. Selbst in den Ferien im Ausland musste am Sonntag ein Gottesdienst besucht werden. Dass wir die Sprache unseres Ferienortes nicht verstehen konnten, spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass die Gottesdienstpflicht erfüllt wurde.

Heute kann ich wie die meisten Menschen in unserer Zeit auch gut ohne den sonntäglichen Gottesdienst in der Kirche auskommen. Ist es ein Verlust, wenn die Kirchen am Sonntag immer leerer werden? Oder kann dies auch eine Chance sein, dass die Menschen vermehrt zu einer persönlicheren Spiritualität finden, wie das Jesus gewünscht hat? Auch zur Entwicklung eines persönlichen Glaubenswegs brauchen die Menschen die Unterstützung der Kirche. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen in unserer Zeit profitiert aber kaum von den Pfarrpersonen, die viel Zeit investieren in die Vorbereitung von nur vor einem kleinen Publikum vorgetragenen Predigten. Sie brauchen vielmehr Seelsorgerinnen und Seelsorger, die ihnen zuhören und sie auf der Suche nach Antworten auf ihre persönlichen Lebensfragen begleiten.

Religiöse Bildung

Im Beitrag für den Sonntag, 26. April, habe ich vom Primat der Diakonie und der Seelsorge für die Kirche der Zukunft gesprochen (siehe » Kirche neu finden). In unserer Zeit ist die persönliche Zuwendung der Seelsorgerinnen und Seelsorger zu den Menschen wichtiger geworden als die Organisation von gemeinschaftlichen Gottesdiensten. Natürlich wird es weiterhin Gemeinden geben, die ihren Schwerpunkt im Gottesdienst setzen und mit einem höchst attraktiven und auch auf jüngere Menschen ausgerichtetem Gottesdienstangebot Menschen aus einer ganzen Region anziehen können. Diese Gemeinden sind aber eher die Ausnahme, während in den Volkskirchen von den Menschen vor allem die persönliche Zuwendung in einer Notlage erwartet wird.
Zur Entwicklung einer persönlichen und eigenverantwortlichen Spiritualität braucht es aber noch etwas Anderes: eine gute religiöse Bildung. In der Familie, in der ich aufgewachsen bin, war die religiöse Ausbildung so wichtig wie alles andere, was wir lernen mussten. Mit dem Lesen und Schreiben habe ich auch das Beten gelernt. Für die meisten Menschen in unserer Zeit gehören religiöse Themen nicht mehr zu den Grundinhalten in ihrer Erziehung und Ausbildung. Umso mehr müssen die Kirchen dafür sorgen, dass sie ein gutes und attraktives Bildungsangebot in ihrem Angebot haben, in das die Menschen in jeder Altersstufe einsteigen können.

Ich habe nicht versucht, die eingangs zitierte junge Frau von der Wichtigkeit der Gottesdienstteilnahme zu überzeugen. Ich habe ihr aber ein Buch zu grundlegenden biblischen und theologischen Themen zur Lektüre empfohlen und ihr angeboten, bei der Lektüre aufkommende Fragen mir zu schicken. Sie hat dieses Angebot gerne angenommen.

Haben Sie religiöse oder existentielle Fragen, die Sie gerne mit jemandem besprechen möchten? Dann nehmen Sie doch Kontakt auf mit mir oder jemand anderem aus dem pastoralen Team unserer Kirchgemeinde.

Für Kontaktinformationen siehe:
» Das dargebotene Ohr Ihrer Kirchgemeinde


Quellenhinweise

Richard Rohr, Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker, München 2019.

N.T. Wright. Die Gebete des NT für heute, Giessen 2014.

» Beten ohne Kirche - Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung


Texte für die Sonntage zuvor

» Wort zum Sonntag - 10.05.2020

» Vom Bleiben und der Kunst der kleinen Schritte - 03.05.2020

» Kirche neu finden - 26.04.2020

» Vollbracht ist nicht das Ende - Karfreitag

» Wir wollen mit Ausdauer laufen - 05.04.2020

» Corona und die Angst - 29.03.2020

» Suchet der Stadt Bestes - 22. 03. 2020


Weitere Informationen zu "Kirche in der Corona-Krise"

» Kerzen als Zeichen der Hoffnung

» Einer trage des anderen Last

» Lieferservice verwertBAR

» Informationen der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau

Bereitgestellt: 16.05.2020     Besuche: 179 Monat 
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