Taufstein - vom multifunktionalen Zentrum zum schmückenden Accessoire
Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der Beitrag zum Taufstein.
Stefan Hochstrasser,
Der Taufstein wurde laut Quellen durch Hans Georg Mayer 1724 für den Kirchenneubau gestiftet. Wer sich im vergoldeten Reliefwappen verewigte, bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel.
Das eigentliche Zentrum jeder reformierten Kirche war ursprünglich der Taufstein. Denn gerade Zwingli befürwortete einen Raum ohne Altar. So dominierte das kelchförmige Möbel den Chorraum, gefolgt von der Kanzel an der rückseitigen Chorwand. Der Taufstein war dabei nicht nur Aufbewahrungsort des Taufwassers und damit Mittelpunkt bei jeder Taufe, sondern gleichzeitig auch im abgedeckten Zustand der Tisch fürs Abendmahl.
Somit kam dem Taufstein eine wichtige multifunktionale Bedeutung im Zentrum des Geschehens zu. Bei der Kirchenrenovation der Stadtkirche 1968/69 rückte er, wie es für alle zu dieser Zeit renovierten Kirchen Usus war, von der Raummitte an den Rand und musste einem grossen Altartisch weichen. Als kleiner Trost bekam er dafür einen neuen mit Intarsienschrift verzierten Deckel.
Inschrift des Deckels: «DAS.BLUT.IESU.CHRISTI.DES.SOHNS.GOTTES:REINIGET.UNS.VON.ALLER.SÜND.»
Von den Architekturstudierenden der HTWG in Konstanz wird gegenwärtig auch der Vorschlag diskutiert, den Taufstein in der Kirche Kurzrickenbach wieder mehr ins Zentrum des Gebäudes zu stellen. Dafür gibt es gute theologische Gründe. Der Taufstein ist nicht nur ein Möbelstück neben vielen anderen in einem Kirchengebäude, sondern der Ort, wo Menschen als Kinder oder auch später als Erwachsene neu in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen werden. Damit symbolisiert der Taufstein, dass Kirche eine offene Gemeinschaft ist, zu der auch neue Menschen dazukommen dürfen.
Eine wieder zentrale Positionierung des Taufsteins müsste nicht zu einer Abwertung des Abendmahls führen. Nach reformiertem Verständnis ist das Abendmahl aber nicht ein Sakrament, bei dem an einem Altar von einem Priester Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi gewandelt werden. Das Abendmahl ist eine Tischgemeinschaft im Namen von Jesus Christus, die an vielen Orten erlebt werden kann. Für diese Tischgemeinschaft braucht es nicht einen Altar, sondern viele Tische an vielen Orten (in Kirchen, anderen öffentlichen Gebäuden und Privathäusern), wo Menschen einander begegnen können.
Annina De Carli und Pfr. Damian Brot