Kanzel – vom barocken Verstärker zum schmückenden Accessoire
Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der Beitrag zur Kanzel.
Stefan Hochstrasser,
Die Kanzel wurde vom Kurzrickenbacher Schreiner Andreas Lang 1724 für den Kirchenneubau erstellt. Heute schaut sie auf eine bewegte Geschichte zurück.
Vor allem die kleinen Gottesdienstbesucher werden sich fragen, welche Funktion dieses riesige Möbel an der Wand hat, das heute kaum noch genutzt wird. Es zeugt von einer Zeit, in der noch keine hochkomplexe Tontechnik die Rednerstimmen verstärkte und die Pfarrpersonen ihre Schäfchen von oben im Überblick hatten. Erfunden wurde dieses spezielle Rednerpult im Mittelalter von den Predigerorden. Es bestand von jeher aus Zugangstreppe, Kanzelfuss, Korb und Schalldeckel. Damit jeder den Redner sah und hörte, stellte sich dieser in die Kanzel und erhielt durch die Rückwand und den Schalldeckel eine optimale Akustik, um seine Predigt zu halten. Es erstaunt daher nicht, dass im Egelshofer Kirchengrundriss von 1724 die Kanzel hinter dem zentral im Chorraum aufgestellten Taufstein an der Rückwand thronte.
Mit der Erweiterung der Kirche um den heutigen Chorraum wurde sie 1899 an die Nordwand versetzt. Damals war sie noch üppig bemalt und hatte einen reich verzierten Deckelaufsatz – ähnlich wie jene in Kurzrickenbach. 1969 wurde sie durch die Renovation der gesamten Dekoration beraubt und hat seither ein nüchternes Aussehen, das einzig durch die vergoldeten Kapitelle und die Blume aufgelockert wird.
Theologisch betrachtet steht mit der Kanzel die Verkündigung es Wortes Gottes im Zentrum. Neben den beiden evangelischen Sakramenten Taufe und Abendmahl nimmt die Predigt eine zentrale Stellung ein. Nach evangelischer theologischer Auffassung verkündigen die Predigerin oder der Prediger, getragen von dem Geist Gottes, bei der Auslegung der Schrift das Wort Gottes selber. Das, was bei der Katholischen Kirche der Hochaltar mit den gewandelten Hostien im Tabernakel ist, ist bei uns Reformierten die Kanzel mit dem Taufstein geworden.
Annina De Carli und Pfr. Gunnar Brendler