Niklaus von Flüe und unser Abendmahlskelch
Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der Beitrag zum Abendmahlskelch in unserem Kirchenschatz.
Stefan Hochstrasser,
Beim Kirchenschatz denkt man meist an schmuckvolle Monstranzen, üppig dekorierte Reliquien und an mit Edelsteinen besetzte Messgeräte, die man aus katholischen Kirchen kennt. Dies alles gibt es bei uns zwar nicht und doch haben wir einen ganz besonderen Schatz.
Wir besitzen den ältesten datierten evangelischen Abendmahlskelch des Kantons Thurgau. Der silberne Kelch wurde durch Heinrich Egloff in Konstanz angefertigt und ist sehr schlicht gehalten. Seine einzige Verzierung befindet sich auf dem Becherteil und besteht aus der Inschrift «HERR NIMB VON MIR WAS MICH WENDT VON DIR / HERR GIB AUCH MIR WAS MICH KEHRT ZUO DIR / HERR NIMM MICH MIR UND GIB MICH EIGEN DIR», dem Stifternamen Melcher Maier und der Jahreszahl 1597. Die Verzierung wird komplettiert durch das mit einer Lorbeerkartusche umrahmte Familienwappen des Stifters Maier mit steigendem Widder und eindrücklicher Helmzier. Das gleiche Familienwappen – allerdings spiegelverkehrt – findet sich auch auf dem Taufstein von 1724 in der Stadtkirche, so dass sich damit das in der Februar-Ausgabe gestellte Rätsel lüftet.
Die Inschrift auf dem Abendmahlskelch erinnert an das berühmte Gebet von Niklaus von Flüe:
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich führet zu Dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.
Niklaus von Flüe (1417-1487) war ein Schweizer Einsiedler und Mystiker, der grossen Einfluss auf die damalige Politik hatte. Wegen seinen weisen Ratschlägen pilgerten die Menschen zu ihm in den Ranft, einer Schlucht oberhalb Sachseln OW. Sogar Abgeordnete von Staatsoberhäuptern aus ganz Europa suchten ihn auf und 1481 half er den Schweizer Ratsherren, einen Bürgerkrieg zu verhindern.
Nach der Überlieferung hat Niklaus dieses Gebet täglich gebetet. Könnte es auch unser Gebet werden?
«Nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.» Was hindert uns daran, Gott mehr Raum zu geben? Vielleicht schlechte Erfahrungen, Vorurteile, Ängste, oder das Streben, uns selbst zu verwirklichen?
«Gib alles mir, was mich führet zu dir.» - Welche Gedanken und Dinge führen uns zu Gott? Ein paar Ideen: Liebe für die Menschen, die schwierig zu lieben sind; Bereitschaft, mit anderen Menschen Frieden zu schliessen und zu vergeben; Vertrauen wie ein Kind, aber auch kritisches Reflektieren, damit der eigene Glaube reifen kann.
«Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.» - Niklaus hat Gott sein Leben zur Verfügung gestellt. Wir müssen nicht alle Einsiedler werden! Unser Leben können wir Gott auch in einem «normalen» Alltag zur Verfügung stellen, indem wir uns zum Beispiel fragen: Wo kann ich für jemanden ein Licht sein? Wo kann ich ein offenes Ohr schenken, praktisch helfen oder jemanden ermutigen?
Annina De Carli und Pfrn. Angela Hochstrasser