Stefan Hochstrasser

Auf Berner Safari in der Kirche - Glasscheibe

2024-05 TG_Kreuzlingen_evangKirche_TG_150 (Foto: Vitrocentre Romont)

Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der Beitrag zu einer der Glasscheiben.
Stefan Hochstrasser,
In unserer Stadtkirche halten sich Löwen und Bären auf – letztere stammen sogar aus Bern. So kommt im zweiten Teil des Artikels der „Berner Pfarrer“ zu Wort.

Abgesehen von der Stuckdecke, der Kanzel und dem Taufstein hat unsere Kirche nicht mehr viel zu bieten, was bereits 300 Jahre alt ist. Allerdings gibt es Bären und Löwen in der Kirche, die schon drei Jahrhunderte jeder Renovation trotzen. Die Rede ist von den elf farbigen Glasscheiben, die in den Chorfenstern eingelassen sind (seit 1960 am heutigen Standort). Sie wurden 1724 von damals bedeutenden Familien sowie von den Städten St. Gallen, Zürich und Bern gestiftet, die den Neubau der Kirche unterstützten.

Besonders angetan hat es uns die Standesscheibe der „löblichen Stadt“ Bern. Das Fenster ist wie eine Theaterinszenierung gestaltet. Getragen von üppig dekorierten Pfeilern drapieren zwei Putten einen blauen Vorhang auf die Seite, sodass auf der Bretterbühne zwei Bären zum Vorschein kommen. Sie tragen eine Krone sowie zwei Schilde mit dem Berner Wappen. Darüber hängt ein Blätterkranz mit der Inschrift „UNI SOLI DEO GLORIA“.

Unsere Kirche bekam also finanzielle „Entwicklungshilfe“ aus Bern. Die Grösse der Glasscheibe ist bescheiden, der Auftritt der Bären weniger. Bemerkenswert ist, dass UNI SOLI DEO GLORIA zwar in der Mitte steht, aber klein und versteckt hinter den Bleiruten. „Gott allein (sei) die Ehre“ ist ein zentraler Satz der Reformation. Auf der Glasscheibe erscheint er eher pro forma. Im Sinne von: Natürlich, gelobt sei Gott, aber wir Berner sind auch lobenswert („löblich“). Wie sagt man so schön im Volksmund: keine falsche Bescheidenheit.

Gleichzeitig ist Demut eine zentrale christliche Eigenschaft. Beim Spenden soll etwa die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut (Matthäus 6,3). Die gute Tat sollte also im Verborgenen geschehen. Nicht nur die Berner Bären tun sich schwer damit! Dennoch können wir von ihnen lernen: eine breite Brust zu haben ist gut, aber dabei sollen wir nicht vergessen, wem die Ehre gebührt: dieser ist weder Berner noch Thurgauer.

Annina De Carli und Pfr. Stefan Hochstrasser

Bildlegende:
Standesscheibe der Stadt Bern, 1724. Foto: © Vitrocentre Romont, weitere Informationen zum Fenster unter: www.vitrosearch.ch
Bereitgestellt: 30.04.2024      
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