Stefan Hochstrasser

Bis zum Himmel wachsen - Kirchturm

2024-06 Foto Kirchturm (Foto: Hanspeter Rissi)

Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der Beitrag zum Kirchturm.
Stefan Hochstrasser,
Angefangen hat alles 1724 mit einer bescheidenen barocken Landkirche. Vier Fensterachsen war sie lang und hatte auf dem Dach einen Dachreiter mit Zwiebelkuppel. Doch die Kirchgemeinde strebte nach mehr und nach Grösserem.

Bereits im frühen 19. Jahrhundert wünschte man sich mehr Modernität. So steht im Protokoll der Kirchenvorsteherschaft, dass alle, die nur ein wenig Geschmack hätten, einen ordentlichen Helm bevorzugen würden. Trotz der Proteste aus Emmishofen wurde 1828 die Kuppel durch einen eleganten, modernen Spitzhelm ersetzt.

Ende 19. Jahrhundert hielt man die Vergrösserung der Kirche für angebracht und engagierte Architekt August Keller aus Romanshorn. Keller hatte bereits mit den Kirchen in Märwil, Matzingen und Scherzingen gute Referenzen vorzuweisen. Keller verlängerte 1898/99 den Kernbau um einen Chor und fügte in der Verlängerung der Mittelachse den Turm an. Dieser verlieh der Kirche eine imposante Erscheinung und täuschte durch sein Portal einen neuen Haupteingang vor, obwohl sich die Gebäudeorientierung nicht änderte

Im Innern bekam der Chorraum eine Sängerempore und eine Stuckdecke in Anlehnung an jene des Kernbaus. Zur historistischen Innenraumgestaltung gehörten neben farbigen Fenstern und Holzbänken mit Metallfüssen auch bemalte Wände. Das Hauptmotiv dieser Gestaltung wurde unlängst auf grossen Papierbahnen rekonstruiert und mit Hilfe der Kinderbibelwoche-Teilnehmenden verziert.

Der Kirchturm - der umgekehrte Trichter

Kirchtürme sind für die meisten Menschen in der Schweiz aus dem öffentlichen Raum nicht wegzudenken. Sie verbinden damit einen kulturellen Wert oder auch eine Form von Nostalgie.

Ein Kirchturm hat auch eine symbolische Funktion. Er stellt einen grossen Finger dar, der nach oben weist über das Alltägliche, Weltliche und Begreifbare hinaus hin zum Göttlichen. So ein Turm führt den Blick des Menschen zum Himmel. Der Kirchturm ist auch ein Symbol der Verbindung von Himmel und Erde – die Verbindung zwischen Gott und den Menschen.

Der Kirchturm zeigt an: hier ist ein Ort der Stille, ein Ort des Gebets, ein Ort des Dankens und des Bittens. Es ist ein Raum der Freiheit, weit weg von Kommerz und Stress. Georg Christoph Lichtenberg definiert Kirchtürme als «umgekehrte Trichter, um das Gebet in den Himmel zu leiten». Herzlich laden wir ein – innezuhalten – um Dank, Freude, Sorgen und Bedenken im «umgekehrten Trichter» nach oben zu senden.

Annina De Carli und Diakon Hanspeter Rissi
Bereitgestellt: 30.04.2024      
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