Glocke nicht gleich Glocke
Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der zweite Beitrag zu unseren Glocken.
Stefan Hochstrasser,
Glocken hatten neben der Uhrzeitanzeige von jeher eine wichtige Funktion, denn sie dienten als einfaches Verständigungsmittel, das alle in einer Ortschaft hörten und verstanden. So wurden bestimmte Glocken geläutet, um Feuer und Unwetter anzukünden, um einen Markt zu eröffnen oder zu schliessen oder auch um vor der Pest zu warnen. Was heute die eigene Armbanduhr, das Alarm-App, das Radio oder Sirenen übernehmen, wurde früher durch Glocken verkündet.
Und doch begleiten und strukturieren die fünf Egelshofer Glocken noch immer jeden Tag unterschwellig, ohne dass wir das immer realisieren. Jeden morgen um 7.00 Uhr weckt uns unter der Woche die «Hoffnungs-Glocke» und ruft mit ihrer Aufschrift «Bete und Arbeite» zum Tagwerk auf. Bereits um 11.00 Uhr verkündet die «Liebes-Glocke» mit ihrer Bitte «unser täglich Brot gib uns heute», dass es bald Mittag wird und es etwas zu essen gibt. Jeder Werktag wird um 19.00 (Winter) oder 20.00 Uhr (Sommer) mit der «Hoffnungs-Glocke» beendet. Das gesamte Geläut schliesst am Samstag die Arbeitswoche mit ihrem Klang um 18.00 Uhr ab.
An Sonntagen erklingt bereits eine Stunde vor Gottesdienst die «Glaubens-Glocke» mit ihrem Psalm «Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat» und ermuntert für den Gottesdienstbesuch. Das Einläuten des Gottesdienstes beginnt schliesslich die kleinste «Friedens-Glocke» mit den Worten «lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht», der die restlichen Glocken folgen. Der grössten «Eintrachts-Glocke» kommt schliesslich die Ehre des Ausläutens zu mit ihrem Vers «Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen».
So übernimmt jede Glocke gemäss ihrer Inschrift einen eigenen Part in der Woche, strukturiert unseren Alltag und gibt dem aufmerksamen Zuhörer Zeichen.
Bibelvers auf den Glocken
Auf der drittgrössten und 994 kg schweren Glocke steht die Bitte aus dem Unser Vater „Unser tägliches Brot gib uns heute“ (Matthäus 6,11). Diese Bitte symbolisiert nicht nur den Wunsch nach physischer Nahrung, sondern auch nach seelischen und menschlichen Bedürfnissen wie Anerkennung, Wertschätzung und Gesehenwerden.
Alle drei sind zentral für unser inneres Wohlbefinden. Sie nähren unsere Seele und stärken unser Selbstbewusstsein. Jeder Mensch sehnt sich danach, in seiner wahren Identität erkannt zu werden. Dieses Gesehenwerden ist essenziell für unser Wachstum.
Lassen Sie uns darüber nachdenken, wie wir Anerkennung und Wertschätzung erfahren und schenken können. In dieser gegenseitigen Anerkennung finden wir das wahre „tägliche Brot“, das uns stärkt. Mögen wir uns täglich mit Liebe und Wertschätzung begegnen.
Annina De Carli und Diakon Steff Keller