Stefan Hochstrasser

Ein Kreuz und ein Ring für Kreuzlingen

Kreuz (Foto: Julia Klöck)

Ein ganzes Jahr lang feiern wir 300 Jahre Stadtkirche Kreuzlingen. Anlass genug, Ihnen verschiedene Facetten des Baus zu beleuchten. Hier der Beitrag zu unserem Kreuz.
Stefan Hochstrasser,
Gegen Ende meiner Zeit als Vorsteher im Jahr 2004 kam in der Kirchgemeinde eine Diskussion darüber auf, wie der Chorraum der Stadtkirche gestaltet werden soll. Ich war ein Vertreter der Gruppe, die sich ein Kreuz vorstellen konnte – als Symbol dem Wort im selben Raum zur Seite gestellt.

Nach vier Jahren in dieser einmaligen Gemeinde mit ihrem breiten Dach, unter dem sich Evangelikale genauso finden liessen, wie historisch kritisch Denkende und auch solche, die mit Gott nichts «am Hut hatten», aber das sozialkaritative Werk der Kirche wichtig fanden, hatte ich einer Gestaltungsidee folgend einen Entwurf vorgestellt, der die Vorsteherschaft letztlich überzeugte. Ich konnte mich von einem Metallbauer und einem Schreiner unterstützt ans Werk machen.

Die Stäbe sind jeweils aus einer Holzart, zusammengesetzt aus einzelnen Abschnitten, spielend in den Schattierungen ihrer Maserung. Jeder Stab steht in seiner besonderen Struktur für einen Menschen in unserer Gemeinde. Er ist so lang und breit und stark wie alle anderen - alle Stäbe sind gleich wichtig. Würde einer fehlen, es entstünde eine Lücke. Die Stäbe sind innig verschränkt und halten doch respektvollen Abstand.

Getragen werden sie von einer Krone aus Stahl. Diese Fassung lässt jedem Stab eine andere Position im Raum, gibt der Ansammlung aber im Inneren ihre Ordnung: die Stäbe bilden das Kreuz, geformt und gestützt von der Gemeinde.

Aufgehängt wurde das Kreuz dann im Jahr 2005. Bei der Gelegenheit wurden noch zwei weitere Befestigungspunkte in die Decke eingelassen … für einen Ring, den ich nach längerer Überlegung erst jetzt realisiert habe. …

…entstanden sind zwei Ringe mit jeweils zwei unterschiedlichen Seiten: im Kern sind sie aus Holz, aber belegt mit Gold oder Silber. Sie stehen für einen Menschen: geboren als Organismus, von Gott erkannt und angenommen.

Wir sind alle Individuen und doch finden wir Erfüllung im Miteinander. Die Ringe haben am Rand ein einmaliges Muster. Sie können ineinandergreifen, sind aber dennoch keine Zahnräder.

Wir leben in den Zyklen der Erde, Tage, Monate, Jahre, treiben Projekte voran und erleben unsere Wandlung in Phasen. Wir hinterlassen in unserem Umfeld Spuren, werden aber auch vom Leben geformt und beschrieben – fortlaufend hinterlässt es Erinnerungen. Es sind unentwirrbar viele, manche sind dunkel, andere hell. Sie lagern sich wie farbiges Sediment ab, überdecken irgendwann Silber oder Gold und einander gegenseitig. Sie lassen sich weder voneinander trennen noch wegwischen.

Aus der Ferne betrachtet verleiht eine dominante Farbe dem Ring Charakter, aus der Nähe erkennen wir dann den Reichtum, die Facetten in den Schichten unseres Seins. ...und die Spuren göttlichen Handelns an und in uns.

Stephan Klöck
Bereitgestellt: 12.12.2024      
Datenschutz | aktualisiert mit kirchenweb.ch