Klaus Douglass, der Direktor der Zukunftswerkstatt der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland, hat im vergangenen Februar das Open Place besucht. Er sei tief beeindruckt von dem, was er im Open Place gesehen habe, schreibt er im folgenden Beitrag. Im Open Place würden einige Leute das Evangelium richtig ernst nehmen.
„Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen wieder auf“ – an diesen Satz des katholischen Pastoraltheologen Paul-Michael Zulehner fühlte ich mich erinnert, als ich im Februar den Kreuzlinger „Open Place“ besuchte. Die evangelische Kirchgemeinde in Kreuzlingen ist mir bereits seit einigen Jahren als sehr lebendig und aktiv bekannt. Von ihrem „Open Place“ hatte ich bis dahin allerdings nur gehört bzw. im Internet gelesen. Und das fand ich schon bemerkenswert. Aber man muss es wirklich erlebt haben, um sich ein echtes Bild davon zu machen, was im Open Place passiert. Ja, hier wird vielen Menschen geholfen, und doch ist es eine Begegnung auf Augenhöhe, in vielen Fällen ein echtes Geben und Nehmen. Auch gehen hier praktische Hilfe und geistlicher Austausch Hand in Hand. Oft ist es ja so, dass Gemeinden sich entweder auf das eine oder auf das andere konzentrieren. Ich war von meinem Besuch wirklich tief beeindruckt und fand: Da haben einige Leute das Evangelium richtig ernst genommen! Und da auch nur einige Stunden mit dabei zu sein, war eine wirklich schöne Erfahrung.
Ich habe mich gefragt, ob man den eingangs erwähnten Satz Paul-Michael Zulehners auch umkehren kann: „Wer bei den Armen eintaucht, taucht bei Gott wieder auf“? Aber hier müssen wir aufpassen, dass wir nicht falsch romantisieren. Man kann bei dieser Art von Engagement viele schöne Erfahrungen machen, ja sogar Gott erleben. Aber Armut und Krankheit sind harte Realitäten. Und manche tauchen bei den Armen ein und fühlen sich leer und erschöpft. Ihre Hilfe erscheint ihnen wie ein Tropfen auf dem heißen Stein – und in vielen die äußere Not begleitenden seelischen Nöten wissen sie oft auch keinen Rat. Nicht nur bei freiwillig Engagierten, sondern auch in helfenden Berufen kommen Menschen oft an den Punkt, dass sie sich überfordert fühlen und sich mehr und mehr verausgaben, bis sie innerlich völlig leer sind. Darum bevorzuge ich die erste Version des Satzes vom Eintauchen und Auftauchen. Das Auftauchen bei den Armen hat mehr innere Kraft und die betreffende Person hat einen längeren Atem, wenn sie vorher bei Gott eingetaucht ist. Das bewahrt auch nicht vor jedem Burnout. Aber die Begegnung mit Gott macht stark für die Begegnung mit dem oder der Nächsten. Vielleicht auch, weil dieser Gott uns zuraunt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. – Vergiss bei all deinem Engagement nicht, für dich selbst zu sorgen. Deine Nächstenliebe muss nicht größer sein als deine Selbstliebe. Sie sollte aber auch nicht viel kleiner sein.“
Dr. Klaus Douglass ist Pfarrer, Autor und Direktor von midi, der Zukunftswerkstatt der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland (» www.mi-di.de)
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