Damian Brot

Stallwärme im offenen Raum – Gedanken zum Open Place in Kreuzlingen

Samichlaus erster Batch  (1 von 9) (Foto: Benjamin Arntzen)

Können Gebäude heilsam sein? Und was braucht ein Raum, damit Menschen sich dort nicht nur aufhalten, sondern wirklich begegnen können? Am vergangenen Wochenende durften wir erleben, wie Architektur und Glaube in den Dialog traten. Cynthia Jung war als Theologiestudierende dabei und schildert in ihrem Beitrag eindrücklich, wie Architektur Verbindungen schafft und warum das Open Place für sie ein Ort ist, der «Stallwärme im offenen Raum» bietet. Ein lesenswerter Beitrag über die Kraft von Räumen, die Verletzlichkeit zulassen.
Cynthia Jung,
Als wir an einem Freitagnachmittag im Dezember 2025 während unserer Exkursion im Open Place in Kreuzlingen sassen und die Architekturstudierenden ihre Modelle vor uns ausbreiteten, fiel auf, wie sehr ihre Entwürfe von Wegen geprägt waren. Wege um und durch die Gebäude, Wege hin zum Wohnquartier, zum Einkaufszentrum und zur Schule, Wege, die täglich von sehr unterschiedlichen Menschen genutzt werden. In den Gesprächen wurde sichtbar, wie Architektur Verbindungen entstehen lässt, sowohl räumlich als auch zwischen den Menschen. Vor diesem Hintergrund wirkten die kleinen Nischen in den Entwürfen, gedacht für Rückzug, Schutz oder einen stillen Moment, wie eine natürliche Erweiterung dieses offenen Denkens. Dieses Mitdenken des Verletzlichen blieb besonders haften.

Je länger ich im Open Place war, desto stärker erinnerte mich die Atmosphäre an das, was wir in der Vorlesung über Seelsorge und Diakonie gehört hatten. Sie existieren nicht zuerst als Angebote oder Rollen, sondern als Formen eines Miteinanders, durch das Sozialräume entstehen. Beziehungen machen Räume. Sozialraum meint nicht den geografischen Ort, sondern das, was zwischen Menschen entsteht, wenn sie handeln, sich begegnen und einem Ort Bedeutung geben. Ein Gebäude wird erst durch Begegnungen, Erfahrungen und Resonanz zu einem sozialen Raum.

Damit verband sich auch das, womit wir uns theoretisch beschäftigt hatten: Segregation und Gentrifizierung. Diese leisen, aber wirkungsvollen Kräfte bestimmen, wer in einer Stadt sichtbar bleibt und wer an den Rand gedrängt wird. Räume sind dabei nie neutral. Sie können Übergänge öffnen oder verschliessen und sie können Resonanz ermöglichen oder dämpfen. Wie können Räume im positiven Sinn dazu beitragen, dass Menschen sich um ihre Seelen kümmern? Vielleicht dort, wo Architektur Rückzug zulässt, ohne Isolation zu fördern. Oder dort, wo sie Begegnung ermöglicht, ohne sie zu erzwingen. Und besonders dort, wo ein Raum nicht vorgibt, wer jemand zu sein hat, sondern eine Atmosphäre schafft, in der Verletzlichkeit als etwas Menschliches gelten darf. Die geplante Umgestaltung des Open Place scheint genau in diese Richtung zu denken.

Am Samstag, kurz vor dem Gottesdienst, sammelte der Kirchenraum die Menschen einfach ein. Keine Inszenierung und kein grosses Wort. Jede und jeder war willkommen. Eine Offenheit und Wärme erfüllte den Raum und machte den Abstand zwischen Fremden kleiner. In diesem Moment wurde spürbar, dass dieser Ort eine Nähe ermöglicht, die man nicht planen kann.

Siehe auch » Was für ein Segen
Bereitgestellt: 10.12.2025     Besuche: 129 Monat 
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