Damian Brot

Das Open Place schafft sich ein Bild von sich selbst

Ikone für das Open Place: Die Studierenden freuen sich, für einmal ausserhalb der Uni Konstanz ihr Wissen in einem Praxisseminar anzuwenden.  (Foto: Inka Grabowsky)

Eigentlich gehören Ikonen zu der Ostkirche. Im Open Place soll ein Bild in diesem Stil die Gemeinschaft symbolisieren.
Inka Grabowsky,
«Als wir zwölf Jahren das Open Place gegründet haben, wollten wir bewusst auf Bilder verzichten», sagt Pfarrer Damian Brot. «Wir blieben ganz im Stil der reformierten Kirche und sahen die Bilder in den Menschen, die zu uns kommen – als Ebenbilder Gottes.» Nun aber macht sich das Open Place ein Bild von sich selbst. Fertigen wird es Carola Jost. Sie ist nicht nur reformierte Pfarrerin (zwischen 1998 und 2003 in Scherzingen-Bottighofen) Palliativ-Seelsorgerin und Fachbeauftrage für das Thema bei der Landeskirche Zürich, sondern auch Ikonografin. Im Oktober wird sie vor Ort im Open Place ein Bild im Stil einer Ikone schaffen. «Wir sind durch die ukrainischen Geflüchteten, die ein Zeitlang den Kirchenraum mitnutzen, auf die Idee gekommen», so Pfarrer Brot. «Und als sich dann eine weitere Kooperation mit einer Hochschule aus Konstanz ergab – diesmal mit der Uni - war das Thema gesetzt.» Albert Kümmel-Schnur hat mit seinen Studierenden im Studiengang «Literatur, Kunst und Medien» das Schaffen einer Ikone zum Thema eines Seminars gemacht.

Die Reformatoren waren gar nicht so streng

Die jungen Leute waren dann auch Teil des Publikums beim öffentlichen Vortrag des Kunsthistorikers Johannes Stückelberger zu bildender Kunst in reformierten Kirchen. Er erläutert, dass Bilder von den Reformatoren keineswegs in Bausch und Bogen verdammt wurden. «Im Zentrum des reformierten Gottesdiensts steht die Gemeinde. Sie ist es, die den Raum heiligt.» Zwingli verbot lediglich die Bildverehrung. Wenn Kunst geschichtliche Motive abbilde, dann wäre es barbarisch, sie zu vernichten. Bilder in der Bibel wurden schon unter Zwingli ausdrücklich gewünscht. Sie sollten die Lust am Lesen fördern und beim Einprägen der Geschichten helfen. Die Reformatoren erwiesen sich als höchst pragmatisch. Die bunten Glasfenster mit Heiligendarstellungen im Berner Münster wurden nicht zerstört. Man mauerte einen Torbogen vor dem Chor zu, so dass sie beim Gottesdienst nicht mehr zu sehen waren. Das Hauptportal mit dem Bildprogramm des Jüngsten Gerichts wurde umgewidmet. «Es war der Stolz der Stadt und hatte viel Geld gekostet.» Also entfernte man das Jesuskind aus der Mariendarstellung, drücke der Figur stattdessen eine Waage in die Hand, und fertig war die Allegorie auf die «Gerechtigkeit».

In späteren Jahrhunderten gaben reformierte Kirchen immer wieder sakrale Kunstwerke in Auftrag. In dieser doppelten Tradition sieht Albert Kümmel Schnur das aktuelle Projekt im Open Place. «Man will Gemeinschaft zeigen in einem Bild für die Gemeinde», sagt er. «Für die Studierenden ist es nicht nur spannend die partizipative Bildentwicklung zu begleiten, sondern auch die lebendige Gemeinde zu erleben.»

Workshop mit grosser Beteiligung

Lebendig ging es beim Workshop in der Kirche Kurzrickenbach zu, bei dem rund drei Dutzend Menschen in Gruppen diskutierten, was für sie das Open Place ausmacht und was deshalb als Anspielung im Bild wiederzufinden sein soll. «Nicht allein sein», «Respekt», Ehrlichkeit, «Würde», gelebte Nächstenliebe» , «Schutz», «Unterstützung»… Carola Jost steht vor der Herausforderung, dafür die richtigen Motive zu finden. Bei der Ausführung hat sie viel Übung. Sie «schreibt» fünf oder sechs Ikonen pro Jahr (Ikonen werden nicht gemalt). Dabei bespannt man ein Holzbrett mit Leinwand, reibt Kreide darauf, poliert die Oberfläche und ritzt dann die Motive ein. «Bei der farbigen Gestaltung beginnt man immer mit der Gold-Grundlage. Sie symbolisiert das göttliche Licht», so die künstlerisch begabte Pfarrerin. «Dann bringt man erst die dunklen, dann die hellen Ei-Temperafarben auf. Wir bringen das Licht ins Bild», so Jost. Im Oktober wird sie im Open Place an dem Ikonen-artigen Werk arbeiten und sich dabei über die Schulter schauen lassen.

Siehe auch » Artikel in der Thurgauer Zeitung
Bereitgestellt: 02.07.2026     Besuche: 12 heute, 12 Monat 
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