Politische Bildung für die Mitarbeiter im Open Place
In Bern setzten sich rund dreissig Helferinnen und Helfer mit der Funktionsweise des Bundeshauses und dem Beratungscafé «Sempre Berna» auseinander
Inka Grabowsky,
«Ich führe gerne Gruppen durch das Bundeshaus», sagt die Thurgauer Nationalrätin Nina Schläfli. «Man muss erklären, warum bei den Debatten so oft leere Sitze zu sehen sind.» Die eigentliche politische Arbeit und der Austausch der Argumente fänden eben in den Kommissionen statt. «Die Geschäfte sind so vielfältig, dass man nicht für alles Experte sein kann. Das Parlament funktioniert arbeitsteilig. Jeder von uns hat seine Fachgebiete. Der Empfehlung von Fraktionskollegen und -kolleginnen vertrauen wir bei den Abstimmungen.»
Nina Schläfli ist 2023 für die SP ins Parlament eingezogen. «Ich hatte Tränen in den Augen, als ich das erste Mal durch den Haupteingang gegangen bin – möglicherweise, weil nach dem Wahlkampf plötzlich eine Anspannung von mir abfiel. Aber heute noch beschleicht mich ein Gefühl von Demut, wenn ich das Haus betrete. Es sind Menschen darauf angewiesen, dass ich hier einen ordentlichen Job mache.» Geduldig beantwortet die Parlamentarierin die vielen Fragen der Open Place-Gruppe - unter anderem nach Fehlern der Politiker. Schläfli lacht: «Auch in Bundesbern wird nur mit Wasser gekocht. Das weiss ich inzwischen. Aber fast jeder gibt sich Mühe.»
In Erinnerung bleiben werden den Teilnehmenden vor allem die Plaudereien aus dem Nähkästchen. Wer hätte gedacht, dass es in beiden Parlamentskammern als unhöflich gilt, wenn man Schweizerdeutsch spricht. «Im Nationalrat garantieren wir mit Hochdeutsch, dass wir uns verstehen, weil die Dialekte eben schon sehr unterschiedlich sind», sagt Schläfli. Immerhin gibt es in der grossen Kammer für die Landessprachen Dolmetscher, anders als im Ständerat. «In der kleinen Kammer wird hauptsächlich auf Deutsch und Französisch verhandelt.» Unhöflich sind in diesem Gremium auch Verstösse gegen die Kleiderordnung: «Für die Herren gilt Krawattenpflicht. Wenn ein lässig gekleideter Nationalrat bei der Beratung seines Geschäfts im Ständerat zuhören möchte, muss er gegebenenfalls zu einem ‹Krawattendealer› gehen, der ihm das Accessoire ausleiht.»
Beratung und Kaffee im Mattenhof-Quartier
Während das politische Engagement bis hin zu einem Nationalrats-Mandat für die meisten Open Place Mitglieder ausser Reichweite ist, fühlen sie sich in der Caffè Bar «Sempre Berna» eher zuhause. Die ehemalige Direktorin des Bundesamts für Polizei (Fedpol), Nicoletta della Valle, hat es Ende 2025 gegründet. «Es war seit 30 Jahren mein Traum, eine Caffè Bar zu führen. Gleichzeitig war mir bewusst, dass viele Menschen mit Schreiben, Lesen oder dem Ausfüllen von Formularen überfordert sind, sich aber schämen, Hilfe zu holen. Also habe ich mir überlegt: Wenn wir Beratung kombinieren mit einem Café, dann gibt es auf der einen Seite keine Hemmschwelle, und auf der anderen Seite generieren wir ein paar Einnahmen, die die Fixkosten decken sollten.» Inzwischen ist Nicoletta Della Valle an ihre Grenzen gekommen und muss für sich selbst die Bremse ziehen. «Ich habe 200 Prozent meiner Zeit investiert. Das war zu viel für mich. Ich habe mich überschätzt. Jetzt muss es auf eine breitere Basis gestellt werden.» Eine Kerngruppe aus zehn der vierzig Freiwilligen überlegt, ihre vielfältigen Aufgaben auf diverse Schultern zu übertragen. Pfarrer Damian Brot kann das nachvollziehen. «Ich freue mich, dass wir im Open Place mit unseren vier Angestellten unsere Arbeit einigermassen verteilen können. Allerdings verfügen drei von ihnen nur über kleine Teilzeitpensen. Ohne das grosse Engagement unserer Freiwilligen wäre unsere Arbeit deshalb nicht möglich.»